junge Welt vom 11.03.2002
 
Feuilleton

Ein Leben für zehn

Dem Rotfrontkämpfer und Interbrigadisten, Partisanen,
VP-Offizier und MfS-General a. D.
Karl Kleinjung zum 90. Geburtstag

... und seine Lizenz zum Töten.


Karl Kleinjung

* 11.3.1912

Leiter der Hauptabteilung I (NVA/ Grenztruppen)
Geboren in Remscheid-Stockten (Westfalen), Vater Heftemacher; Volksschule; Ausbildung zum Friseur, danach arbeitslos; 1929 KJVD; 1930 RFB, bis 1933 Politleiter in Remscheid-Vieringhausen; 1931 KPD; 1933 Emigration nach Holland, 1935 Verhaftung, dann Abschiebung nach Belgien, KPD-Kurier; 1936-39 Interbrigadist in Spanien, zuletzt in der Gegenaufklärung; anschließend UdSSR: bis 1941 Schlosser in einer Autofabrik in Gorki; 1941-43 Spezialausbildung als Aufklärer in Moskau und Ufa; 1943-45 Partisan und Durchführung von NKWD-Sonderaufträgen; 1945 Parteischule bei Moskau.
1946 Rückkehr nach Deutschland, Kreispolizeidirektor in Nordhausen, Gruppenchef der Grenzpolizei in Mühlhausen, SED; 1947-49 stellvertretender Leiter der VP-Landesbehörde Thüringen bzw. Leiter der VP Mecklenburg; 1949/50 Lehrgang für DVP-Offiziere an der Militärakademie der UdSSR in Priwolsk; 1950 Einstellung beim MfS, Leiter der Verwaltung Groß-Berlin; 1951 Leiter der Objektverwaltung Wismut; 1955 Leiter der HA I (KVP, ab 1956 NVA); 1965 VVO in Gold; 1974 Generalleutnant; 1981 Ruhestand; 1982 KMO; 1987 Stern der Völkerfreundschaft in Gold.

1997 Anklage wegen Totschlag an Michael Gartenschläger.




Peter Rau
 
Natürlich kannte ich seinen Namen schon früher, und das nicht aus irgendwelchen »Stasi«-Akten, sondern vor allem aus Veröffentlichungen zum Krieg in Spanien, doch unmittelbar begegnet bin ich ihm erstmals im Juni 2000. Das war bei der »Geheimoperation Urne«, wie eine Berliner Tageszeitung über die Beisetzung von Erich Mielke schrieb. Schlohweiß das Haar, leicht gebeugt und hager, auf einen Stock gestützt, die Faust zum revolutionären Gruß erhoben. Seither sind wir uns öfter begegnet; zu außergewöhnlich ist der Lebensweg des Mannes, der heute in Berlin seinen 90. Geburtstag begeht, so daß journalistische Neugier geradezu gebietet, dieser Biografie nachzuspüren, deren einzelne Etappen bereits jede für sich Stoff zu einer eigenständigen Geschichte liefern. Man kann es kaum treffender ausdrücken als ein Iswestija-Korrespondent vor Jahren in einem Porträt über Karl Kleinjung: »Sein Leben ist so reich an Ereignissen, daß es sicherlich für das Leben zehn anderer gereicht hätte.« Natürlich wäre es legitim, aus gegebenem Anlaß nur eine der Episoden aus diesem kampferfüllten Leben herauszugreifen, doch würde dies vermutlich nur ungenügend erklären, warum Kleinjung tat, was er tat, und wurde, was er geworden ist.

Geboren am 11. März 1912 in einer Remscheider Arbeiterfamilie und aufgewachsen in einem Viertel der Industriestadt im Bergischen Land, das ob seiner mehrheitlich KPD wählenden Bewohner einst »Klein-Moskau« genannt wurde, fand Kleinjung, vor allem wegen der kapitalistischen Begleiterscheinungen der »goldenen« 20er Jahre, nach der Schule weder Lehrstelle noch andere Arbeit. Mit Gelegenheitsarbeiten verdiente er sich ein paar Pfennige, bekam schließlich doch noch einen Ausbildungsplatz, wenn auch nur beim Friseur, und nach dem Lehrabschluß prompt die Papiere. Der Kapitalismus zog sich seine schärfsten Widersacher selbst heran, wird er später über jene Jahre sagen; nicht zuletzt durch die Bekanntschaft mit dem ebenfalls aus Remscheid stammenden KJVD-Funktionär Artur Becker wurde Kleinjung mit 17 Mitglied im kommunistischen Jugendverband. Das war Anfang 1929. Ein Jahr später gehörte er bereits zum Roten Frontkämpferbund, der Schutzorganisation der KPD, wurde Pol.-Leiter des RFB im Stadtteil Vieringhausen und schließlich 1931 Mitglied der Partei. Mit seiner RFB-Gruppe hat er wiederholt und handgreiflich dafür Sorge getragen, daß die braunen Sturmabteilungen in diesem Arbeiterviertel nichts zu melden hatten. Noch am 5. März 1933, dem Tag der Reichstagswahlen, als sich die Nazis erneut in die »rote Zone« wagten, wurde scharf zurückgeschossen - der quirlige Heißsporn Kleinjung wie immer mehr vorneweg als mittendrin. Allerdings mußte er danach umgehend abtauchen und seine Heimat Richtung Holland verlassen. Hier und später in Belgien wurde er als Kurier der Abschnittsleitung West Teil des illegal wirkenden Parteiapparats. Nach dem Putsch gegen die Volksfrontregierung in Spanien gehörte er zu den Freiwilligen aus aller Welt, die der Republik zu Hilfe eilten und sich dem Vordringen des Faschismus auf der Iberischen Halbinsel entgegenstemmten.

In Albacete, der Basis der Internationalen Brigaden, wird Karl Kleinjung Mitte November 1936 zunächst dem Thälmann-Bataillon der gerade aufgestellten XII. Brigade zugeteilt, landet jedoch im ersten Bataillon der XI., das sich »Rache für Edgar Andre«, den wenige Tage zuvor in Hamburg von den Nazis hingerichteten KPD- und RFB-Funktionär, auf die Fahnen geschrieben hatte. Das steht bereits seit einer Woche in heftigen Abwehrkämpfen am westlichen Stadtrand von Madrid. Hier wird auch der nun 24jährige seine ersten Fronterfahrungen sammeln: als Melder beim Stab, später im Hin und Her zwischen Abwehr und Gegenangriff dies- und jenseits des Manzanares, im Stellungskrieg wie im Nahkampf. Hätte er Zeit gehabt für ein Gefechtstagebuch über jene Wochen, würden darin die Kämpfe in der Casa de Campo wie im Universitätsviertel und Orte wie Palacete, Majadahonda, Quijorna, Brunete oder Las Rozas verzeichnet sein. Und andere Städtenamen wie etwa Segovia oder Teruel müßten hinzugefügt werden, nachdem Kleinjung sich Anfang 1937 freiwillig zur Partisanenausbildung gemeldet und zudem einen kurzen Panzerlehrgang absolviert hatte. Dabei trifft er - Kleinjung redet noch heute lieber von anderen als über sich selbst - auf sowjetische Militärberater und -spezialisten, die auch künftig eine gewichtige Rolle in seinem Leben spielen werden. Mit ihnen zusammen, darunter die später so prominenten Abwehroffiziere, Aufklärer bzw. Partisanenkommandeure Leonid Eitington, Jan Osol, Kyrill Orlowski oder Stanislaw Waupschassow gehört auch Teniente, also Leutnant, Kleinjung 1939 zu den letzten »Freiwilligen der Freiheit«, die Spanien Richtung Sowjetunion verlassen.

Hier arbeitet er als Schlosser im Autowerk von Gorki - auch in jener folgeschweren Nacht zum 22. Juni 1941. Am nächsten Morgen meldet er sich freiwillig zur Roten Armee. Doch die Kampfgefährten aus den spanischen Tagen haben anderes mit ihm vor: Einsätze im Hinterland der Okkupanten. Für Karl Kleinjung heißt das zunächst Besuch einer Partisanenschule bei Moskau. Eigentlich war Kleinjung vorgesehen, als Kurier bzw. Funker in Berlin die zwischenzeitlich unterbrochene Verbindung zu den Widerständlern um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack wiederherzustellen. Doch an seiner Stelle wird ein anderer geschickt: Albert Hößler, ebenfalls ein Spanienkämpfer, weil der sich in Berlin besser auskennen würde. Als die Nazis im Herbst 1942 der Berliner Kundschaftergruppe auf die Spur kommen und blutige Rache nehmen an den Männern und Frauen, die der legendären Roten Kapelle zugerechnet werden, gehört auch Kleinjungs »Ersatzmann« Hößler zu den Opfern ...

Auf den inzwischen 30jährigen wartet indes ein anderer gefahrvoller Einsatz hinter der Front. Er wird bei einer belorussischen Partisaneneinheit abgesetzt, die nicht weit entfernt von Minsk operiert und den Auftrag hat, den faschistischen Generalkommissar von »Weißruthenien«, SS-Gruppenführer Wilhelm Kube, als obersten Befehlshaber der Okkupanten zu liquidieren. Am 23. September 1943 können die Partisanen Vollzug melden.

Ein Jahr später ist auch Kleinjung dabei, als die sowjetische Abwehr unter dem Code-Namen »Beresina« eines ihrer größten und erfolgreichsten Funktäuschungsmanöver startet. Acht Monate lang und bis zum letzten Tag des Krieges halten sie die Deutschen mit einer längst in Gefangenschaft geratenen Brigade zum Narren, kassieren nicht nur immer wieder eingeflogene Gruppen zum Entsatz der angeblich eingeschlossenen 2000 Mann, sondern senden auch manche Fehlinformation von strategischer Bedeutung.

1946 kehrt die Familie Kleinjung - inzwischen hat Karl die aus Riga stammende Partisanen»kollegin« Julia Arnoldowna Losinsch geheiratet, und Nachwuchs hat sich auch schon eingestellt - nach Deutschland zurück. Für die in der sowjetischen Zone noch im Aufbau begriffene Volkspolizei kommt einer wie Kleinjung seiner Partei gerade recht, mit seinen Erfahrungen zum Schutz des Aufbaus einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, Profiteure und Krieg beizutragen. So wird er zunächst Kreispolizeidirektor in Nordhausen, später stellvertretender VP-Chef in Thüringen und Leiter der VP-Landesbehörde in Mecklenburg.

Als per Gesetz vom 8. Februar 1950 das Ministerium für Staatssicherheit geschaffen wird, wird Kleinjung, inzwischen Oberst und nicht zuletzt wohl auch auf die Empfehlungen der sowjetischen Freunde hin, Leiter der Berliner Bezirksverwaltung und ein Jahr darauf an die Spitze der Objektverwaltung in der Wismut, dem von der UdSSR betriebenen Uranbergbau-Unternehmen, berufen. Von 1956 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 1981 leitet er den Bereich Militärabwehr, also die Hauptabteilung I des Ministeriums, der der Geheimnisschutz in der NVA und den Grenztruppen obliegt - vergleichbar etwa dem Militärischen Abschirmdienst auf der anderen Seite. Daß allerdings im vereinten Deutschland - Kleinjung spricht lieber von der kolonialisierten DDR - Abwehr nicht gleich Abwehr ist, hat der Generalleutnant a. D. mit aberkannter Ehrenrente als antifaschistischer Widerdstandskämpfer seit 1990 in über einem Dutzend Verfahren mehr oder weniger unmittelbar zu spüren bekommen. Es hat jedoch seine Überzeugung nicht brechen können, daß die heutigen Zustände der Gesellschaft noch lange nicht das letzte Wort der Geschichte gewesen sind.

 
 
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